Mein Jahr in Büchern

Mein Jahr in Büchern: 2018

Das vergangene Jahr ist wie ein Wirbelsturm durch mein Leben gefegt, hat mir neue Aufgaben gebracht und neue Freunde. Es hat aber auch einen lieben Menschen fortgerissen. Die zurückgebliebene Lücke werde ich für den Rest meines Lebens in mir tragen. In diesem Jahr der Extreme war Lesen ein wichtiger Anker für mich – mehr als eine Gewohnheit, fast schon ein Ritual, bei dem ich in turbulenten Zeiten immer wieder zurück zu meiner Mitte fand. Hier sind die Bücher, die mich dabei am stärksten berührt haben:

Yuval Noah Hararis „Sapiens – A Brief History of Humankind“, gefunden auf Elementares Lesen, ist ein fundiertes, aber auch amüsant geschriebenes Sachbuch, eine Schatztruhe an Gedanken für Zeiten, in denen man beim Nachrichtenschauen den Glauben an die Menschheit zu verlieren droht.

“Just as medieval culture did not manage to square chivalry with Christianity, so the modern world fails to square liberty with equality. But this is no defect. Such contradictions are an inseparable part of every human culture. In fact, they are culture‘s engines, responsible for the creativity and dynamism of our species. Just as when two clashing musical notes played together force a piece of music forward, so discord in our thoughts, ideas and values compel us to think, re-evaluate and criticise. Consistency is the playground of dull minds.”

Düsterer, aber nicht weniger nachdenklich, geht es in Mary Shelleys „Frankenstein“ zu, das ich für Sabines Projekt „Women in Sci-Fi“ gelesen habe.

„Learn from me, if not by my precepts, at least by my example, how dangerous is the acquirement of knowledge and how much happier that man who believes his native town to be the world, than he who aspires to become greater than his nature will allow.”

Diesem Projekt verdanke ich auch gleich meine nächste Lektüre, Becky Chambers „the long way to a small angry planet“, ein warmherziges Buch über intergalaktische Freundschaften voller amüsanter Missverständnisse und philosophischer Momente. Eine Geschichte, die den Individualismus feiert und daran erinnert, dass wir allen Wesen unabhängig von ihrem Aussehen oder ihren Geräuschen den gleichen Respekt entgegenbringen sollten. Die Fortsetzung liegt für nächstes Jahr bereit.

“He knew how strange they each were to the other – he for never thinking quietly, she for having no thinking sounds. He knew she understood his noise by now, though, and that knowledge made her silence feel companionable.”

Becky Chambers: the long way to a small angry planet

Und weil Binge Reader wie der Name ja erkennen lässt, nicht nur lesen lässt, sondern es auch selbst tut und ihre Lesebeute fleißig vorstellt, noch eine Perle, die ich dieses Jahr dort gefunden habe: Haruki Murakamis „Wild Sheep Chase“, ein surrealistisches Buch über einen Walpenis, aphrodisierende Ohren und ein Schaf, das die Weltherrschaft erringen will.

„With my eyes closed, I could hear hundreds of elves sweeping out my head with their tiny brooms. They kept sweeping and sweeping. It never occurred to any of them to use a dustpan.”

Birgits Projekte #MeinKlassiker und #FrauenSchreiben begleiten mich schon lange. In diesem Jahr haben sie zwei Lektüreentscheidungen inspiriert. Anila Wilms „Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens“ ist ein Politkrimi, der unterhaltsam geschrieben ist und weltpolitisch interessierten Lesern gleichzeitig das eine oder andere zum Nachdenken aufgibt.

„Die Straße hat ihr festes Maß. Kein Gefährt, das größer und schneller war als ein Ochsenkarren, sollte über die Landstraße fahren dürfen. Denn wenn man den Weg öffnete, würde die Welt das Bergland überrollen wie eine Steinlawine im Frühjahr das Tal, und da es in der Welt mehr Böses als Gutes gäbe, wäre das sein Verderben.“

Der zweite Schatz ist Sylvia Plath’s „The Bell Jar“, die Geschichte einer jungen Frau, die im Kampf gegen gesellschaftliche Konventionen in Depressionen versinkt, diese aber – im Gegensatz zur Schriftstellerin selbst – erfolgreich überwindet.

„I took a deep breath and listened to the old brag of my heart.

I am, I am, I am.”

Auf Marens Blog “Von Orten und Menschen” habe ich Tomas Espedals “Wider die Kunst” gefunden, ein Buch für Zeiten, in denen alle Fragen irrelevant sind und alle Antworten unzulänglich bleiben. Eine Ode an die Heilkraft des Schreibens.

„Es ist still im Haus. Ich bin weder bedroht noch in die Ecke getrieben, hebe die rechte Hand und platziere die Bleistiftspitze auf dem Papier, das Gift fließt. Ich schreibe. Der erste Satz, als drückte man eine Nadel auf die Haut, ein leichter Widerstand, weich, und die Nadel dringt ein, gleitet hindurch und trifft die Ader; es ist notwendig zu vergessen.“

Nicht ganz so still trotz des anmutenden Titels ist Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“, das Marina auf „literaturleuchtet“ vorgestellt hat. Diese Familiengeschichte aus zwei Ländern, Iran und Deutschland, dreht sich um große und kleine Themen, um Revolution und Flucht, Grillabende und Kopftücher, Integration und Heimweh.

„Aber ich lache ihn an, er hält meine Hand und ich halte seine und denke, dass es egal ist, was er redet und was ich davon hören will und was nicht, wenn wir uns am Ende an der Hand halten.“

In Juli Zehs „Unterleuten“ eskalieren die gesellschaftlichen Probleme in einem sehr viel kleineren Radius, in einem kleinen Dorf in Brandenburg. Um dieses Buch bin ich lange untentschlossen herumgeschlichen. Marina von „literaturleuchtet“ hat es gefallen, Claudia vom grauen Sofa nicht. Was mich besonders misstrauisch gemacht hat, ist, dass eine Autorin meiner Generation, die in einer westdeutschen Stadt aufgewachsen ist, über einen Mikrokosmos schreibt, den sie nicht, aber ich dafür umso besser kenne. Aber das Buch würde hier natürlich nicht auftauchen, wenn es mir nicht gefallen hätte. Ich habe zwar zwei sachliche Fehler gefunden, diese sind aber für den Verlauf der Geschichte irrelevant. Auch vermeidet die Autorin durch eine kluge Komposition ihrer Charaktere, in ausgetretene Vorurteilsfallen entlang des alten Grabens Ost-West zu tappen.

„Seiner Erfahrung nach wurden die schlimmsten Übel auf der Welt nicht durch böse Menschen bewirkt. Von denen gab es in Wahrheit erstaunlich wenige. Viel gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich, und sie kannten keine Gnade.“

Vom Dorf in den Großstadttrubel. John Dos Passos‘ „Manhattan Transfer“, vorgestellt von Bri auf „Feiner reiner Buchstoff“, lässt in bildgewaltigen Beschreibungen das New York der 1920er auferstehen. Das Buch fühlt sich trotz seines Alters erstaunlich frisch an, die Fragen nach dem Sinn und Unsinn unseres Daseins immer noch aktuell. Das New York der 1920er erinnert mich in mancher Hinsicht an das Dubai der 2010er.

„The trouble with the workers is we dont know nothing, we dont know how to eat, we dont know how to live, we dont know how to protect our rights … Jez Anna I want to make you think of things like that. Cant you see we’re in the middle of a battle just like war? With the long sticky spoon Anna was fishing bits of icecream out of the thick foamy liquid in her glass.”

 

Ameera Al Hakawati: Desperate in Dubai

Und jetzt noch ein kleiner Nachschlag. Vor einigen Monaten ist eine Freundin aus Dubai zurück nach Deutschland gezogen und hat mir einige Bücher hinterlassen, darunter Ameera Al Hakawatis „Desperate in Dubai“. Die Schlagzeile „UAE’s answer to Desperate Housewifes“ hat mich zuerst abgetörnt. Aber man soll ja von Zeit zu Zeit seine Komfortzone verlassen und etwas Neues ausprobieren. Hier lag nun also ein Roman über Dubai, genauer gesagt über Frauen in Dubai, geschrieben von einer Autorin, die zwar keine Emirati ist, aber seit vielen Jahren in Dubai lebt. Und dann lese ich auf Seite 3:

“She has already spotted four other Khaleejis in the cabin, and cannot risk having a drink in case they happen to know who she is. She snorts when she sees a man in the traditional Emirati white robe, the candoura, indulging himself in a glass of something clearly haraam, and wonders why society deems it acceptable for Arab men to do as they please when God has set clear rules that apply to both men and women.”

Mein Interesse war geweckt. Der Roman folgt vier Frauen, einer Emirati und drei Expats, in Dubai und London, deren Leben sich auf tragische Weise verflechten. Alle bezahlen für ihre (vermeintlichen) Fehler einen hohen Preis. Aber da es sich hier nicht um ein von einem Mann geschriebenen Klassiker aus dem 19. Jahrhundert handelt, sind die Charaktere stark genug, wieder aufzustehen, aus (nicht vermeintlichen) Fehlern zu lernen und ihren eigenen Weg zu gehen. „Desperate in Dubai“ ist weit entfernt davon, große Literatur zu sein, aber es ist spannend geschrieben und verarbeitet Themen wie Religion, Kopftuch und Sex vor der Ehe aus verschiedenen Perspektiven. Ein Buch, das mich überrascht hat und mir das Gefühl gibt, eine Welt, die mir nicht zugänglich ist, durchs Schlüsselloch zu beobachten.

“I lay out my beach towel, plonk down, and cross my legs. I take out my book but instead of reading it, I watch the people around me. I still can’t get over the way Muslims here are so different from those back in the UK. Back home, being the gross minority, they‘re all united and overtly Muslim. Islam is a huge part of their identity and because they face a lot of difficulties getting accepted into mainstream society, they have a defensive nature. Here it’s so much more relaxed; you see girls in hijab doing stuff you rarely see back home, such as smoking shisha, hanging out with guys, or going to concerts. I‘m not sure why that is, but I‘m guessing it has something to do with hijab being more of a cultural item of clothing than a declaration of faith or religious statement.”

Mit diesem mittlerweile traditionellen Jahresendpost wünsche ich Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr.

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7 replies »

  1. Liebe Peggy,
    was fuer eine literarische Ausbeute! :) Leider komme ich hier nicht mehr so zum Lesen wie ich es eigentlich gerne moechte. :(
    Auch Dir und den Deinen einen guten Rutsch ins und alles Gute, vor Allem gute Gesundheit, im kommenden Jahr,
    Pit

    • Danke, lieber Pit, ich würde eigentlich auch gerne mehr lesen. Zumindest kaufe ich Bücher so, als hätte ich täglich drei bis vier Stunden Muße. Oft bleibt mir nur ein halbes Stündchen am Abend. Aber übers Jahr läppert sich da auch Einiges zusammen. Rutsch gut rein und bis nächstes Jahr. 😊

      • Buecher kaufen tun wir nur noch selten, obwohl wir beide “richtige” Buecher, zum Umblaettern, lieben, denn wir haben zu wenig Platz hier. Also leihen wir sie in der hiesigen – guten – Leihbuecherei, oder lesen sie auf Kindle bzw. Nook. Was mir dabei weh tut ist, dass wir so den Untergang des Buchhandels foerdern. :( Apropos “leid tun”: was mir bei meinem Umzug nach hier wirklich leid getan hat und immer noch leid tut ist, dass ich hunderte von Buechern in Deutschland zuruecklassen musste. :(

  2. Liebe Peggy, Bücher als Anker im Sturm, als Gefährten auf dem bisweilen steinigen, steilen, abgründigen und kurvenreichen Weg durchs Leben treffe ich auch immer wieder – und verlasse mich inzwischen beinah schon darauf, dass sie als solche schon im richtigen Moment auftauchen werden. Dir scheint es ähnlich zu gehen. Wie schön! Dennoch hoffe und wünsche ich von Herzen, dass in 2019 vor allem wohltemperierte sanfte Winde für dich wehen mögen. Herzliche Grüße von der Waterkant an den Wüstenrand!

  3. Liebe Peggy, Kraft schöpfen aus Büchern, einen Ruhepol darin finden – das kenne ich nur zu gut. Wie Maren schon schrieb: wir finden immer die richtigen Lektüren, wenn wir sie brauchen.
    Dir und deinen Lieben wünsche ich alles Gute für das neue, hoffentlich weniger turbulente Jahr :-)
    Liebe Grüße, Petra

  4. Hallo liebe Peggy, ich lese immer mit Begeisterung Deine Rezensionen, wohl wissend, dass ich vermutlich nur einen verschwindend kleinen Bruchteil davon jemals selber lesen können werde. Umso stolzer bin ich, dass ich zumindest einen Deiner Favoriten des Jahres 2018 gelesen habe, und zwar – als Biologin irgendwie logisch – Sapiens. Ich war durch und durch fasziniert von der unorthodoxen Betrachtungsweise der Spezies Homo sapiens. Obwohl ich gestehen muss, dass ich die letzten, eher hypothetischen Kapitel dann doch etwas weniger ansprechend fand. Alles in allem aber auch in meinen Augen ein Augen öffnendes Werk.
    Ich wünsche Dir ein etwas ruhigeres 2019 mit viel Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Liebe Grüße, Sandra

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