Berlin

Kleiner Entdecker im Bundestag

Keine Sorge, heute geht es nicht um Politik. Darüber schreiben schon genug andere, die sich besser damit auskennen. Außerdem ist der Kleine Entdecker noch ein bisschen zu klein für eine politische Laufbahn. Wobei, wenn man so manches Gezänk unter den Politikern mitverfolgt …

Auf jeden Fall ist es nie zu früh, Kindern ein bisschen politisches Bewusstsein mitzugeben. Schließlich sind sie es, die irgendwann über unsere Rente entscheiden oder darüber, welche Busse und Bahnen im Nahverkehr zum Einsatz kommen. Der Kleine Entdecker arbeitet da schon an ein paar Ideen für ein Raketenauto, das seine Energie aus Müll gewinnt und keinerlei Abgase produziert. Aber wer die Welt verbessern will, braucht nicht nur gute Ideen, sondern muss auch wissen, wie er sie unters Volk bringt. Deshalb führte uns unser erster Ausflug in Berlin zum Bundestag.

Turm des Reichstags in Berlin

Berlin ist für mich kein unbekanntes Pflaster. Elf Jahre habe ich hier gelebt und beobachtet, wie die Stadt in den 1990ern zusammenwuchs. Nirgendwo wurde das deutlicher, als auf regelmäßigen S-Bahn-Fahrten zwischen Friedrichstraße und Lehrter Stadtbahnhof, der heute Hauptbahnhof heißt. Zuerst stand da dieser abgehalfterte, dunkelgraue Klotz im Niemandsland. Dann kamen Christo und Jeanne-Claude und hüllten ihn in ein silbriges, futuristisch anmutendes Tuch. Und dann kamen die Bagger und Kräne. Das Herz der Stadt verwandelte sich in eine Großbaustelle und Presslufthämmer bestimmten viele Jahre ihren Pulsschlag. Heute gleicht das Regierungsviertel einer Oase: große Grünflächen zwischen unaufdringlichen Gebäuden, eingerahmt von Tiergarten und Spree.

Regierungsviertel für kleine Entdecker

Kurz nach dem Regierungsumzug 1999 war ich das erste Mal im Reichstag. Damals kam man noch ohne Voranmeldung rein und die Warteschlangen waren überschaubar. Eine Freundin hatte mich zum Glück vorgewarnt, dass das heute nicht mehr so einfach ist. Entweder meldet man sich vorher direkt beim Bundestag an oder man nimmt an einer externen Führung teil, die einen Besuch des Bundestags enthält. Nach einigen Recherchen habe ich mich für Stephans Berlin-Tour entschieden.

Stephans Berlin-Tour beginnt vor einem großen Stadtplan

Wir trafen uns auf dem Pariser Platz vor der Akademie der Künste. Gemeinsam mit einigen anderen Familien ging es zunächst in die Tiefe. In der U-Bahn-Station hängt eine große Berlin-Karte, anhand der uns Stephan auf amüsante und leicht ironische Art erklärte, wie die Stadt, die wir heute unsere Hauptstadt nennen, gewachsen ist.

Das Brandenburger Tor ist das bekanntestes Wahrzeichen Berlins

Anschließend schlenderten wir zum Brandenburger Tor. Das einzig erhaltene der einst 18 Stadttore wurde in den späten 1780ern nach dem preußischen Einmarsch in die Niederlande unter Friedrich Wilhelm II. als Friedenstor konzipiert und ist seither das Nationalsymbol für Deutschlands wechselvolle Geschichte. 1806 wurde es zum Zeichen der Niederlage gegen Napoleon, der die Quadriga abbauen und nach Paris transportieren ließ. Nach den Befreiungskriegen 1814 wurde die Siegesgöttin Victoria in ihrem Vierspänner feierlich zurückgebracht, was ihr im Berliner Volksmund den Spitznamen „Retourkutsche“ einbrachte. Bis 1918 war es ein Symbol für den absolutistischen Herrschaftsanspruch des Kaisers, denn nur er und seine Familie durften die mittlere, breiteste Durchfahrt verwenden. 1933 feierte die SA die Machtergreifung der Nationalsozialisten mit einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Brandenburger Tor zunächst zu einem Grenzposten zwischen dem russischen und dem britischen Sektor. Einen Tag nach Beginn des Mauerbaus wurde es geschlossen und markierte viele Jahrzehnte die Teilung Berlins und damit auch ganz Deutschlands, bis es im November 1989 zum Wahrzeichen für die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung wurde.

Leierkasten spielen vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Bevor es den Kindern bei all der Symbolik zu langweilig wurde, erreichten wir den Leierkastenmann. Und hier zeigt sich Stephans wahre Stärke als Stadtführer. Er kennt nämlich nicht nur Zahlen und Fakten, sondern auch Menschen. Nachdem alle einmal kräftig kurbeln und sich wundern durften, wie schwierig es ist, dem bunten Kasten einen wohlklingenden Ton zu entlocken, ging es durch das Brandenburger Tor hindurch auf den nicht minder symbolträchtigen Platz des 18. März, dessen Name sowohl an die Märzrevolution von 1848 als auch an die letzte Volkskammerwahl der DDR im Jahr 1990 erinnern soll.

Der 18. März ist ein symbolträchtiges Datum in Berlin

Unter den schattenspendenden Kronen alter Bäume ging es weiter zum Reichstag, die Kinder um die Wette laufend und die Erwachsenen weiteren Anekdoten lauschend. Zielsicher navigierte uns Stephan durch die Menschenmassen, und nach der üblichen Sicherheitskontrolle führte unser erster Weg zum Plenarsaal. Hier erwartete uns ein etwa halbstündiger Vortrag über die Geschichte des Reichstagsgebäudes sowie ein Einblick in Sitzordnung und Funktionsweise des Bundestags – alles in allem eine informative Veranstaltung mit vielen Aha-Effekten, allerdings für einen Siebenjährigen noch etwas zu abstrakt.

Besucher des Bundestages können einen kostenlosen Vortrag im Plenarsaal besuchen.

Aber zum Glück folgte auf das Stillsitzen ja wieder Action, denn nun ging es raus aufs Dach. Von der Dachterrasse hat man einen atemberaubenden Blick auf Berlin.

Von der Dachterrasse des Reichstagsgebäudes hat man einen weiten Blick über Berlin.

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto im Spiegeltrichter ging es die Rampe innerhalb der Glaskuppel nach oben. Das alle paar Meter wechselnde Panorama bildete dabei den Hintergrund für weitere Anekdoten aus dem Regierungsviertel. Oben angekommen, endete Stephans Tour offiziell. Wir blieben aber noch eine Weile beisammen, schlenderten nach unten und ließen uns von Stephans Tipps für den weiteren Tagesverlauf inspirieren.

Ein Muss für jeden Besucher des Reichstags: Ein Foto im verspiegelten Lichttrichter

Am Ende fragte Stephan, ob wir Verbesserungsvorschläge hätten, insbesondere, wenn es darum geht, die Tour noch kinderfreundlicher zu gestalten. Ehrlich gesagt, auch jetzt, viele Monate später, ist mir noch nichts eingefallen, was nicht gleichzeitig das Erlebnis für die Erwachsenen beeinträchtigt hätte. Deshalb sage ich: Alles so lassen, wie es ist. Der Kleine Entdecker hat erstaunlich viel von dem Besuch mitgenommen und erinnert sich heute noch gerne an Stephan und seine Geschichten. In einigen Jahren werden wir den Besuch vielleicht wiederholen und dann versteht er sicherlich vieles besser. Übrigens bietet Stephan nicht nur Familientouren an. Wer also mal Berlin besucht und sich mit einem ortskundigen Führer im Regierungsviertel umschauen möchte, dem kann ich einen Spaziergang mit Stephan aus vollem Herzen empfehlen.

Die verglaste Reichstagskuppel gehört zu den mistbesuchten Sehenswürdigkeiten Berlins

10 replies »

  1. Diese Art von geführter Tour klingt gut. Die Mischung, die angenehme Überschaubarkeit. Interessant, dabei jedoch keine zu schwere Kost. Dazu ein eher lockerer Ton, den man – in meinen Augen – als “Erklärer” erst dann richtig gut drauf hat, wenn unauffällig im Hintergrund viel Wissen vorhanden ist. Wissen, das gut vermittelt werden kann, das nebenher auch um die begrenzte Aufnahmefähigkeit weiß und sinnvolles Strukturieren gleich automatisch vornimmt. Dazu garantiert es genug Sicherheit, um Spontaneität möglich zu machen – bei der Reaktion auf Fragen oder Unvorhergesehenes. Das schafft eine Atmosphäre der (gefühlten) Unterhaltung. Nicht des eintönigen Monologs.

    Dein Stil schreiben und zu vermitteln lässt einen genausowenig das Gefühlt haben, hier müsste man sich einen langen Monolog anhören. Es macht mir immer viel Spaß, sich auf deine Erzählungen und Beschreibungen einzulassen und mit dabei zu sein.
    Mir ist Berlin nun wieder ein bisschen nähergebracht worden. Ich habe es nämlich bisher nicht geschafft, mir die Stadt genauer anzusehen. Zweimal Zwischenhalt und Umsteigen bei Zugfahrten, davon einmal mit etwas Aufenthalt. Das reicht natürlich überhaupt nicht. ^^
    Vielen Dank für deinen Eindruck von Berlin 2018 und den Vergleich zu früher und den Zeiten der Wende! Wirklich ein traumhafter Ausblick von der Dachterrasse des Bundestages!

    LG Michèle

    • Ganz herzlichen Dank, liebe Michele. Ich bin ja normalerweise eher der Do-It-Yourself-Typ, aber ich war doch froh, dass ich mich für die geführte Tour entschieden habe, obwohl ich ja eigentlich Berlin kenne. Auf so einer zwanglosen Tour mit jemandem, der in der Stadt lebt, bekommt man schließlich doch nochmal einen ganz besonderen Einblick. Ich glaube, ich werde das auch auf anderen Reisen öfter mal in Betracht ziehen. Es ist ja immer spannend, neue Menschen und ihre Sichtweisen kennenlernen. Liebe Grüße, Peggy

  2. Kommt einfach in ein paar Jahren noch mal wieder her. Dann sieht bestimmt wieder alles anders aus und es gibt neue Geschichten.
    Liebe Grüße aus dem was sich derzeit so Hauptstadt nennt.

    • Da bin ich sicher, obwohl die Veränderungen sicher nicht mehr ganz so dramatisch sein werden. Interessanterweise habe ich mich trotzdem immer noch ein bisschen zu Hause gefühlt und hatte glücklicherweise auch keine Orientierungsschwierigkeiten. 😀

  3. Liebe Peggy, auch als Berlinerin sage ich danke für den Tip. Vielleicht ergibt es sich, dass auch wir mal eine Führung mit Stephan machen. Es hört sich gut an und du kennst das sicher auch, als Einheimische wissen wir manchmal weniger über unsere Heimat als die Tourist*in, die das Unbekannte erkundet.
    Micha und ich werden jetzt ein wenig durch den Wedding schlendern, Frühstücken gehen, die letzten Ostereinkäufe erledigen und die Einkäufe für unser Mittag erledigen.
    Liebe Grüße sendet dir Susanne

  4. Das hört sich gut an! Wir haben die Familienführung im Bundestag mit den Kindern gemacht. War spannend für alle, aber halt leider nur diese eine Örtlichkeit….

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